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Psychologie des Zölibats

Jeder Mensch sehnt sich nach Freiheit. Dabei geht es vordergründig um innere Freiheit von Ängsten oder Süchten oder vielleicht von der Meinung anderer. Tiefe innere Freiheit heißt aber auch frei sein von der Enge der eigenen Ichhaftigkeit, vom Kontrollzwang über das eigene Leben, von eigenen Launen, Luxus- und Machtstreben, Triebhaftigkeit, vom Anspruch auf eigene Fehlerlosigkeit, vom Groll und von der Fremdbeschuldigung. Aber der Preis für diese Freiheit ist vielen zu hoch. Interessant, dass auf der Suche nach der inneren Freiheit auch buddhistische Mönche den Weg des Zölibats entdeckt haben, gleich wie die ägyptischen Wüstenväter von 1700 Jahren diese Lebensform gewählt haben, um durch größtmögliche Freiheit Weisheit zu erlangen und zur Wahrheit vorzudringen.

Der zölibatäre Mensch ist innerlich frei, wenn er lebt, was er ist. Er hat die Maximalvariante menschlicher Freiheit dann erreicht, wenn sein Konzept aufgeht, sein Leben gelingt. Freilich kann er auch kläglich scheitern, weil jede Liebe ein Wagnis ist, und es viele Wegkreuzungen gibt, auf denen man falsch abbiegen kann. Oft muss man umkehren. Je höher man steigt, umso tiefer kann man fallen. Denn innere Freiheit ist nach Pestalozzi nicht das Freisein von etwas, sondern eine Freiheit für etwas. Freiheit ist also kein Selbstzweck, sie verlangt eine Richtung, die Hingabe an etwas frei gewähltes Großes, sonst bleibt sie unfruchtbar. Der große Freiraum muss gefüllt werden, sonst bleibt er leer und hohl. Das menschliche Herz ist für die Liebe geschaffen, und wenn der Mensch auf das menschliche Glück einer partnerschaftlichen Liebe verzichtet, dann nur wegen einer höheren Liebe, der er sich ganz hingibt. Das unterscheidet den Zölibatären vom engherzigen Junggesellen und der verbitterten alten Jungfer, die aus der Enge ihrer Ichhaftigkeit menschliche Liebe nie gewagt haben. Die Ichhaftigkeit und die eigene Nabenschau sind demnach die natürlichen Feinde der inneren Freiheit.

Gelungenes zölibatäres Leben leuchtet, ist anziehend, hat Vorbildfunktion. Ein Zeichen dafür ist die affektive Reife. Das bedeutet, seine eigenen Gefühle beurteilen zu können und sich nicht immer von seinen „Bedürfnissen“ treiben lassen zu müssen. Sichtbar wird die affektive Reife in der Fähigkeit, sich nach den eigenen Werten zu orientieren und nicht nach den eigenen Launen - also langfristiges Glück statt kurzfristige Befriedigung. Dafür steht der Zölibatäre, inmitten der Spaßgesellschaft, die das nicht für möglich hält. Sigmund Freud nannte diese Fähigkeit „Triebverzicht“ und betonte, erst dieser habe die großen Kulturleistungen der Menschheit möglich gemacht. Nur ein freier Menschen kann sich für das Gute entscheiden, und je freier, umso besser. Je freier umso mehr kann der Mensch lieben, umso mehr sich hingeben. Das verleiht ihm Leichtigkeit, Unabhängigkeit, Flexibilität und eine natürliche Autorität. Statt Sklave der Meinung der Masse oder seiner eigenen Gefühle zu sein, entscheidet er unmanipuliert in seiner Freiheit.

Zölibatäres Leben in innerer Freiheit handelt sich allerdings auch Probleme ein, denn mit gesellschaftlichem Erfolg ist es nicht gleichzusetzen. Besonders das Freisein von Ängsten und Abhängigkeiten wirkt auf andere Menschen mitunter unheimlich bis bedrohlich. Nur ängstliche Menschen sind manipulierbar, weshalb Diktatoren ihre Herrschaft stets auf Angst errichten. Wer sich dem öffentlichen Druck nicht beugt, löst bisweilen Aversionen bei den unkritischen Mitläufern aus. Deswegen eckt auch das Konzept des Zölibats bei durchschnittlichen Gemütern immer an.

14:00-14:30

Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli

 
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